Jens LiebchenPresse

Playing Fields

In Playing Fields thematisiert Jens Liebchen das Große Spiel unserer Zeit in den ehemaligen Sowjetrepubliken rund um das Kaspische Meer - das Gebiet mit den weltgrößten noch nicht erschlossenen Reserven von Öl und Gas. Reist man in diese Region, wie Liebchen es getan hat, so wird man jedoch kaum etwas von der verzweifelten Suche sehen. Er könnte Bohrtürme fotografiert haben oder einige der Umweltschäden, die die Ölindustrie verursacht, aber das wäre eine gar zu direkte Aussage, statt dessen hat er Bilder mit subtilen Anspielungen geschaffen.

Die Politik kreist am Kaspischen Meer um Energie. Und so kreist auch eines der metaphorischen Leitmotive, die Playing Fields durchdringen, um die primären Quellen der natürlichen Energie und damit um den Ausgangspunkt der Fotografie - das Sonnenlicht. Liebchen verwendet Sonnenlicht und Schatten, um den Unterschied zwischen Licht (Energie) und Schatten (Mangel an Energie) zu veranschaulichen und so den Hauptgrund dafür ins Bild zu setzen, warum die Supermächte dort am Kaspischen Meer präsent sind. Ein rechteckiger Schatten zum Beispiel sieht aus wie eine in die Erde eingelassene Falltür, die in tiefere Regionen führt, wo das Öl und Gas im Zentrum des Großen Spiels angesiedelt sind.

Unter der abstrakten Ruhe der Bilder liegt in Playing Fields ganz augenscheinlich ein Gefühl der Bedrohung. Manchmal kann es für einen Fotografen anregend sein, das Unsichtbare zu fotografieren. Hier jedoch ist das Unsichtbare eine Kraft, ein greifbares, unheilvolles Wesen. Alles erscheint friedvoll und irdisch, aber die bedrohliche Gegenwart, auf die Jens Liebchen beredte Fotografien anspielen, deutet ganz sicher auf eine nicht weniger bedrohliche Zukunft.

Gerry Badger, European Photography, Nr. 78, Vol. 26, Issue 2, Winter 2005/2006

DL07. Stereotypes of War. A Photographic Investigation

Angesichts der Übermacht der bekannten etablierten Fotobuch-Verlage muß jedes nicht aus diesen Verlagen stammende Buch als Gewinn bezeichnet werden. Wenn es dann noch, wie das im Verlag und Antiquariat Heckenhauer in Tübingen herausgebrachte Buch mit Fotografien von Jens Liebchen, im Layout, in der Typografie, im Druck des Textes und vor allem der Abbildungen und im Leineneinband mit Prägung mit so viel Aufmerksamkeit für die Details gemacht ist, steigt dieser Gewinn noch. Bemerkenswert auch die Textgestaltung in deutsch und englisch, wie das in Deutschland immer noch eine Ausnahme ist, obwohl so viel von Internationalisierung gesprochen wird. So viel zur Form, für die neben dem Fotografen der Geschäftsführer des Verlags, Roger Sonnewald, Sorge getragen hat, der damit in loser Folge eine Reihe mit speziellen Fotografiebüchern startet, um jungen Fotografen ein Forum zu bieten.

Das Buch vereint Fotografien, die der in Berlin ansässige Jens Liebchen während der kommunistischen Vorherrschaft westlichen Interessenten lange verschlossen war. Entgegen farbiger Impressionen legte er seine Fotografien in dunkel gehaltenen Schwarz-Weiß-Tönen an, die bedrohlich, wenn nicht sogar gefährlich wirken. Sie lassen an bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen denken, wie sie zu unseren diffusen Vorstellungen von Albanien passen. Überall und hinter jeder Ecke scheint Gefahr zu lauern, und überall fällt der Blick des Betrachters auf Relikte möglicher Gewalt. Der Gedanke an Kriegsfotografien liegt nahe und ist insofern nicht abwegig, als Jens Liebchen dieses Genre zwar reflektiert, jedoch einen ganz anderen Ansatz verfolgt. Obwohl es, als er in Tirana war, keine aktuellen Kämpfe gab, ließ das Wissen um solche vor seinen Augen scheinbare Kampfszenen entstehen. Sein Wissen - und das schließt das des Betrachters mit ein - formte erst solche Bilder, die nach kriegerischen Aktivitäten aussehen und so spielt er mit unserem Wissen um Reales, Fiktionales und Virtuelles, also mit der heute allgegenwärtigen Verunsicherung über den Wahrheitsgehalt von Bildern. Es ist unsere individuelle Fantasie und Imagination, die aus seinen Motiven die Bedrohlichkeit herausschält, eine Bedrohlichkeit, die ihnen real nie zugrunde lag. Wenn er ein Hochhaus zeigt, das in seinen Grundmauern existiert, dem es aber noch an Fenstern, Außenputz und jeglichem Baukomfort mangelt, dann es handelt sich in Wahrheit um einen noch nicht fertig gestellten Bau, der allein in unserer Vorstellung, gefördert durch die abstrahierenden Schwarz-Grau-Töne, den Gedanken an eine kriegsbeschädigtes Gebäude aufkommen läßt. Wir, die Rezipienten seiner Fotografien, sind es, die diesen Bildern ihren möglichen Schrecken eingeben, Und insofern gehören diese Bilder zu den im Buchtitel angesprochenen Steretoyps of War, also zu jenen redundanten und klischeehaften Kriegsbildern, die wir abrufbereit im Kopf herumtragen. Dazu paßt auch das rätselhafte Kürzel "DL07" im Titel. Es benennt die Koordinaten, die der weltweiten Sattelitenüberwachung zugrunde liegen, und die vom Kartografischen Institut des US Verteidigungsministeriums in der Gazatteer of Albanien veröffentlicht wurden. Die darin anklingende Observation kommt der fotografischen Beobachtung gleich, wobei sich der strategisch militärische Kontext unmittelbar erschließt. Assoziativ läßt sich das mit einem Motiv in Verbindung bringen, das einen Hubschrauber über dem Dach eines Hauses zeigt, das seinerseits vergitterte und teils verschlossene Fenster hat. Wer observiert hier was und zu welchem Zweck? Oder ist es einfach nur ein vorbeifliegender Hubschrauber? Das Buch gibt darauf keine klaren Antworten. Indem Jens Liebchen gar nicht erst den Versuch unternimmt, objektive Informationen vermitteln zu wollen, macht er sich eine Autorenhaltung zu eigen, die als Konsequenz aus den Echtzeitreportagen, wie sie das Fernsehen liefern kann, zur Verlagerung der Perspektive auf das Randständige und das Beiläufige und schließlich das Fantasievolle führt. Und mit Haltung ist das thematisch geschlossene, fotoästhetische Arbeiten gemeint. Das allerdings zeigt das Buch sehr genau.

Erno Kaufhold, Photonews, 2/2001

Konstruktionen des Krieges im Auge des Betrachters: Jens Liebchens Fotografien

Krieg und Fotografie haben eines gemeinsam: in beiden geht es immer auch um den Besitz der Wahrheit. Da diese im Auge des Betrachters liegt - oder genauer: in seinem Bewusstsein - bleibt der Disput zwischen subjektiver Wahrnehmung und dem scheinbar objektiven Medium Fotografie ein ewig spannender Wettstreit. Der Berliner Fotograf Jens Liebchen liefert nun einen eigenwilligen Beitrag zu der stets aktuellen Frage, was dem Publikum mittels Kriegsfotografie eigentlich geboten wird. "Stereotyps of War" (Edition J. J. Heckenhauer, Tübingen/Berlin, 48 Seiten, 24.90 Euro) benennt schon im Titel die Annahme, dass Bilder vom Krieg Konstrukte sind - mehr oder weniger willkürlich herstellbare Projektionen, die nicht unbedingt etwas Zutreffendes über die Wirklichkeit aussagen, die sie vorgeblich zeigen. Liebchens raue Schwarzweißbilder aus Tirana spielen virtuos mit den optischen Elementen solcher Konstruktionen: Waffen, Trümmer, Helikopter, Demonstrationen, vorbeieilende Passanten - weil alles zur Chiffre des Krieges werden kann, gibt nichts Gewissheit. Uns ferneren Betrachtern bleibt folglich nichts anderes, als bei der Wahrheitssuche ein paar unverwüstliche Grundsätze festzuhalten, die gerade im postmodernen Mediengeflimmer unverzichtbar sind: Verschiedene Quellen vergleichen, die Motive der Berichtenden abklopfen, ihre persönliche Glaubwürdigkeit abschätzen. Und wenn gar nichts anderes geht, das tun, wozu Jens Liebchens Bilder auffordern: kritisch hinsehen statt schnell zu urteilen.

Stuttgarter Zeitung, Nr. 91, 2001

Die Augenblicke nach dem Krieg

Ein Fotograf ist unterwegs in Tirana. Er versucht, Bilder gegen andere Bilder zu finden. Es geht ihm darum, die Ästhetik der Agenturen zu unterlaufen, er will einen subversiven Blick für seine Umgebung entwickeln. Jens Liebchen, 1999 ausgezeichnet mit dem Europäischen Preis für Architekturfotografie, entdeckt in einer vom Krieg berührten Stadt die kleinen Zeichen der großen Unsicherheit, das hingekritzelte Graffiti, das eine Maschinenpistole zeigt, die Pappbox mit dem Rotkreuz-Emblem, die neben Mülltonnen vergammelt, Menschen, die sich eilig und etwas schwebend zu bewegen scheinen, als hätten sie keinen festen Boden unter den Füßen. Der Kommentator des kleinen Fotobandes (Jens Liebchen: stereotypes of war, a photographic investigation. edition j. j. heckenhauer, Tübingen/Berlin 2001, 49,80 DM), der Fotografiehistoriker Ian Jeffrey, spricht vom Kriegsreporter als einem "nervösen" Reisenden. Das Terrain solcher Reisender ist nicht mehr zivil - sie befinden sich auf einem militarisiertem Gelände. So nennt Liebchen sein Buch "DL07" - das ist die Bezeichnung für Tirana als "Universal Transverse Mercatorprojection" auf dem UTM-Gitter, wie es das kartographische Institut des US-Verteidigungsministeriums veröffentlicht. Aus diesem Gitter bricht Liebchen das Nichtvermessbare heraus - die Augenblicke.

Der Tagesspiegel, Literatur, Nr. 17474, 22. Juli 2001

DL 07 - stereotypes of war

a photographic investigation by Jens Liebchen

Jens Liebchen, a young photographer from Germany, has already published several small, clever photobooks that are beautifully designed visual musings, often paired with thought-provoking philosophical texts.

In this one, DL07 stereotypes of war, a photographic investigation, he has constructed a series of black-and-white photos of a city under seige – menacing helicopters buzzing abandoned buildings, furtive figures scrambling down deserted streets, smoke-filled skylines, blood-stained walls and sidewalks, too-young children armed with machine guns… Yet he took all of these photos in a city (Tirana, Albania) while it was at peace.

By co-opting the cliched genre of war photography and presenting a sequence of photos in a deliberate manner, the “reportage” easily carries the burden of reference that 150 years of war photography has etched into our collective consiousness.

Ian Jeffrey, author of photographic history and professor at Goldsmiths College, University of London, writes in his introductory essay:

“There is … more involved here than the analysis of a genre. Liebchen’s is, in actuality, deconstructive work, for not only does he present the elements in the practice of “war photography” but at the same time he gives an account, by implication, of their developments. War photography is a dangerous business, which stands to reason, and in the age of the heroic modernists it was expected that the war photographer should face dangers squarely: Robert Capa and Eric Borchert are two who paid with their lives for the sake of this unmediated coverage. Post-modernists, on the other hand, don’t take that heroic standpoint, mainly because the wars they report form no part of a larger cause. Mostly, these wars have local dimensions incomprehensible to an outsider, and might be carried out by devoted patriots, but equally by robbers and deluded children… The photgraphic reporter is of necessity in these conditions a transient, principally a nervous traveller in unreliable streets.”

With these thoughts in mind, then, the reader goes back to look carefully at each picture, with some kind of personal delight, to deconstruct each, and to analyse how the sequence of presentation helps to build a strong fiction. Even in this age of enlightened media distrust, we realize how easily it is to be tricked by “accepting” images at face value (even without captions or explanatory text which could further distort the truth).

This is a beautiful little hardbound book, published in an edition of 750 copies by J.J.Heckenhauer.

*

Jens Liebchen discussed this book with Jim Casper in an interview conducted via email:

JC: Do you think the best vehicles for communicating your ideas are books? If so, why? Have you also shown this work in other ways?

Jens Liebchen: Indeed I do think that books are a very good media to communicate ideas, concepts, stories in photography, and personally I love photography books. A good photography book is compact and complex at the same time. When I was working on DL07 from the beginning on I wanted to present it as a book.

Publishing a work as a book offers additional layers to put in information, by means of graphic design corresponding to the subject, by presenting the photographs in a special order and of course by using different sizes of reproduction. In this respect a book could work in a way like a movie. DL07 starts with the most obvious and direct image, a soldier with a gun on top of a stairway, but having seen that image makes it possible to understand the second image with the little helicopter: You are already intrigued.

I presented this work as well in exhibitions in form of framed prints: Pretty small prints of 30x40 cm and a classical presentation makes most people react as looking at a “real” reportage whereas the larger version of 115x150 cm prints strengthens particular images.

In any case the title “DL07” is very important – there is something no one can understand, something that is strange and in this respect it makes you sensitive and astonished.

When did you start making books? How many have you made?

In fact DL07 has been my first book and it has been a wonderful coincidence that I got to know Roger Sonnewald (J.J.Heckenhauer) in those days who made it possible to publish it. The great thing really has been, that there were no regulations concerning this book – and I do think that in the end this is a great part of its success. I got more and more interested in publications and editions and I have done quite a lot, since than. Beyond others, in 2004 I published an edition with schaden.com entitled “The Flag”: A big box, wrapped in red silk, with a collection of 7 reproductions of Polaroids I did some years ago… Finally in 2005 I published my latest work “Playing Fields”, designed by Winfried Heininger in form of a magazine with images from Kazakhstan, Uzbekistan, Georgia and Armenia. Published again by Edition Heckenhauer it brings in exemplary images the hidden traces in those places where geopolitics is at work in search of power and oil.

How did you choose to collaborate with Ian Jeffrey?

Again a nice coincidence: In fact we got to know each other in Tirana where I participated in a show that was partly curated by him. After I had started to work on that series and the general concept was fixed I sent him some images and he liked the idea from the beginning.

From my personal point of view I consider texts as very important for photography books in general, at least when the book is conceptual. Concerning DL07 and Ian Jeffrey we had a wonderful exchange and I am very happy to have this text printed in the book.

Were you surprised at how easy (or perhaps how difficult) it was to make the photos for this book?

Even if it looks very simple to take these images in the end it seemed to be pretty difficult. Actually the first pictures I took during the time when the general idea for this project came up just happened – and that of course was just fun. But when I returned to Albania for a longer trip and I was in fact searching for special images – that evolved to be very difficult.

book review / lensculture ( www.lensculture.com/jens.html )

Politik und Kunst

Jens Liebchen. Fotografien

Politik und Kunst - Kunst und Politik. Eine Buchrezension

Texte von Andreas Kaernbach und Boris Groys führen uns an die Arbeit Jens Liebchens heran, eine besondere, weil Liebchen durch den Bundestag in die Lage versetzt wurde, die Größen der Kunstszene zu portraitieren, deren Arbeit zu dokumentieren und durch sein Bildgefühl zu interpretieren. Von Adamski und Baselitz über Herold, Hörnschemeyer, Holzer, Polke, Rauch, Reuter, Richter bis Uecker reicht das Portfolio und Druckergebnis in Form eines überschaubaren Bildbandes. Lieber Jens, verwöhne uns doch auch mal wieder mit deinen exzentrischen Selbstinszenierungen, dem 1000fachen Liebchen auf Parkett, Linoleum und im Ami-Schlitten. Eine Vorankündigung wage ich dann doch: die Ausstellung seiner Fotos im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus vom 14.07.-03.09.2006.

Ingo Förster, berlin|art|info, Nr. 54, Juli 2006

Auf politischen Parkett. Ein Fotobuch von Jens Liebchen

Georg Baselitz am Fuß einer Treppe, neben sich sein Monumentalbild, noch zu einer Riesenrolle aufgewickelt. Ein knappes Dutzend Klappseiten weiter das Porträt des Malers in Nahaufnahme. Zuletzt der Künstler am gläsernen Geländer auf dem Treppenabsatz, unerreichbar weit oben über sich sein Werk an dessen endgültigem Bestimmungsort: Das imposante Gemälde erscheint im hohen, luftigen Südeingang des Berliner Reichstags plötzlich optisch zum moderat proportionierten Format geschrumpft. Sein Schöpfer hingegen muss sich im Vergleich mit einer ungewohnt dezenten Nebenrolle als Randfigur bescheiden. Geradezu verschwindend klein nimmt sich Baselitz an seinem Standort aus, von Fotograf Jens Liebchen an den unteren Seitenrand gerückt.

Den Mythos vom abgehobenen Künstlergenie lässt Liebchen - im Grenzbereich von Konzept und Dokumentation ein Lichtbildspezialist für Kunstereignisse - nicht einfach so im Raum stehen. Was seinen speziellen Reiz hat und nahe liegt, da es sich um die Repräsentationsarchitektur der Bundesbauten handelt. Die sich zum Leidwesen vieler Künstler oft ebenso grandios wie übermächtig in den Vordergrund spielt. Liebchen holt die Künstler mit ihren perfektionierten Standardrepertoires an Posen und Gesten zurück auf den hochglanzpolierten Boden handfester Arbeitszusammenhänge und -sachverhalte: hier speziell aufs für sie vielfach ungewohnte politische Parkett.

Die präzisen Fotografien zeigen Künstlerportraits von Jenny Holzer, Markus Lüpertz, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Katharina Sieverding und anderen Stars, die im Reichstag mit ihren Arbeiten vertreten sind: Zu sehen sind ferner unaufgeregte bis gänzlich unspektakuläre, aber minutiöse (Detail-) Beobachtungen während der Hängung beziehungsweise Installation der Werke eines Anselm Kiefer, Christian Boltanski oder Günther Uecker. Sie gehören zur Auswahl von insgesamt 37 Schwarzweiß-Aufnahmen von 15 Künstlern, die Liebchen in einem neuen Fotobuch veröffentlicht hat.

Der Bildband mit dem Titel "Politik und Kunst - Kunst und Politik. Künstler und ihre Werke im Reichtagsgebäude" ist in der Edition J. J. Heckenhauer, Berlin/Tübingen erschienen (168 Seiten, 58 Euro). Herausgegeben wurde er im Auftrag des Deutschen Bundestages von Andreas Kaernbach (Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages) und Roger Sonnewald (Inhaber des Verlages und der Fotogalerie J. J. Heckenhauer in Berlin). Die Fotografien sind bis 10. Juli zudem in einer Ausstellung der Galerie Heckenhauer zu sehen. Liebchens Fotoserie - die ihrerseits zur Sammlung des Deutschen Bundestages gehört - ist komplett noch um ein Vielfaches umfangreicher. Schließlich hat er das Kunstprogramm für die Regierungsbauten des Deutschen Bundestages von 1999 bis 2003 von Anfang bis Ende fotografisch begleitet.

Elfi Kries, Kunstzeitung, Nr. 95, Juli 2004

Die Reichstagskünstler voll im Bilde

Gotthard Graubner, Georg Baselitz, Christian Boltanski, Jenny Holzer...Der Fotograf Jens Liebchen porträtierte Künstler zusammen mit ihren Werken, die die Parlamentsgebäude schmücken. Die Fotos sind jetzt in zwei Ausstellungen zu sehen und als Buch in der Galerie J. J. Heckenhauer erschienen.

Exklusive Führung durch "Politik und Kunst" von Jens Liebchen sowie durch das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus plus ein vom Fotografen signiertes Buch pro Besucherpaar.

Limitierte Anzahl: 5 x 2 Personen

Termin: Freitag, 30. Juli, 11 Uhr

Ort: Berlin, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus

Stichwort: Jens Liebchen

Wählen Sie: 0190-530533-6

Kontakt: www.aboextra.de

Die Zeit, Nr. 29, 8. Juli 2004

Politics and Art

Wer den Berliner Reichstag besucht, stellt fest, dass sich überall zeitgenössische Kunstwerke in die Architektur einfügen und das Erscheinungsbild der geschichtsträchtigen Räume entscheidend mitbestimmen. Fast dreißig Künstler sind inzwischen mit ihren Werken im Zentrum der deutschen Politik vertreten, darunter u.a. Georg Baselitz, Gerhard Richter, Christian Boltanski und Jenny Holzer. Der Photograph Jens Liebchen schuf mehr als eine bloße Dokumentation, als er die Entwicklung der unterschiedlichen Werke von der Konzeption bis zur Realisation begleitete.

Ausstellung: Galerie J. J. Heckenhauer Berlin, vom 27.05.-10.07.2004

Qvest, Nr. 14, Mai-Juni 2004

Jens Liebchen. Politik und Kunst - Kunst und Politik. Künstler und ihre Werke im Reichtagsgebäude

Das Reichtagsgebäude in Berlin ist ein Ort der Repräsentation. Äußerlich vertritt es den Architekturgeschmack des Kaiserreichs, seine für die Öffentlichkeit zugängliche Kuppel die Demokratie. Als Sitz des Deutschen Bundestags repräsentiert es das oberste Organ der Verfassung, die gewählten Volksvertreter. Aus diesen formiert sich der parlamentarische Kunstbeirat, der nahezu 30 Künstlerinnen und Künstler eingeladen hat, den Reichstag mitzugestalten. Wie sich diese Künstler repräsentieren, dokumentiert der Fotograf Jens Liebchen in seinem Buch "Politik und Kunst - Kunst und Politik". Bundestagskurator Andreas Kaernbach und der Medienphilosoph Boris Groys haben die Begleittexte verfasst. Den Architekten des Reichtagsumbaus Sir Norman Foster fotografiert Liebchen in der Rolle des händefuchtelnden Erklärers seines Bauwerks. Im Hintergrund sieht man den Bundesadler, dessen Rückseite Foster in seinem Verständnis als Künstler-Architekt datiert und signiert hat. Kühl und herausfordernd steht Katharina Sieverding unter ihrem fünfteiligen Fotogemälde. Sigmar Polke spielt den Clown vor seinen ironischen Leuchtkästen. Günther Uecker, der den Andachtsraum des Bundestags gestaltet hat, erscheint im schmutzigen Arbeitsoverall. Markus Lüpertz posiert gewohnt adrett mit Hut, weißem Kragen und dickem Siegelring. Georg Baselitz verschwindet dagegen fast im Schatten der Wand auf der sein Monumentalgemälde hängt. Ähnlich Gerhard Richter, porträtiert von hinten blickt er zu seiner in die Eingangshalle aufragende Bildtafel empor. Jenny Holzer sitzt nachdenklich zu Füßen ihres Leuchtschriftpfeilers, während Christian Boltanski als Archivar der eigenen Arbeit auftritt. Jens Liebchen fokussiert auf den Habitus der Persönlichkeiten - arrivierte und im Kunstbetrieb seit Jahrzehnten etablierte Künstler. Ihre Wahl in die Kunstsammlung des Bundestages ehrt sie zu offiziösen Staatskünstlern. "In bedingter Zustimmung und wohlwollender Gegnerschaft", so Andreas Kaernbach frei nach Nietzsche, äußere sich diese ambivalente Partnerschaft von Kunst und Staat. Liebchens Aufnahmen variieren vom klassischen Künstlerporträt bis zum Herrscherbildnis mit Insignien der individuellen Künstlermythen. Schon aufschlussreich, wer sich da wie im Repräsentationsraum zwischen Kunst, Politik und Ego positioniert.

Style & The Family Tunes, Nr. 071, Juni 2004

Und Polke posiert. Der Fotograf Jens Liebchen dokumentiert das Wechselspiel von Kunst und Politik

Rund 60 Millionen Mark investierte die Bundesrepublik in die Kunst für Berliner Regierungs- und Parlamentsbauten. "In bedingter Zustimmung und wohlwollender Gesellschaft", so formuliert der Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, Andreas Kaernbach, widmeten sich damals Maler und Bildhauer der Kunst im deutschen Zentrum der Macht. Nun hat sich die Auseinandersetzung im Spannungsfeld von künstlerischer Freiheit und politischen Pragmatismus zu einem Kunstwerk verselbständigt, das man sich im kleinen Format und zum kleinen Preis auch privat leisten kann und das erfrischend wenig staatstragend daherkommt.

Zunächst in eigener Regie, dann im Auftrag des deutschen Bundestages beobachtete der 1970 in Bonn geborene Fotograf Jens Liebchen die Künstler und Künstlerinnen dabei, wie sie ihre Werke in Reichstagsgebäude brachten und einbauten. Er hat die Momente festgehalten, in denen die Kunstschaffenden das Gebäude betraten, ihre Werke dort arrangierten und diesen schließlich am neuen Ausstellungsort gegenüberstanden. Liebchens Fotos fanden den Weg in zwei Berliner Ausstellungen: Das wissenschaftliche Dienstleistungszentrum des Bundestages, das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, hat sie gezeigt, und jetzt sind sie in der Berliner Galerie J. J. Heckenhauer zu sehen, die auch einen Bildband und die Fotoedition herausgibt.

Politik und Kunst - Kunst und Politik. Künstler und ihre Werke im Reichstagsgebäude heißt das Buch mit einem Text von Boris Groys und einem Vorwort von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. 37 Schwarzweißfotos lassen sich ausklappen und zeigen Georg Baselitz, dynamisch den Reichstag betretend, und Hans Haacke, wie er - Hände in den Hosentaschen - unter der wehenden Nationalflagge nachdenklich davonschreitet. Skeptisch geht der Blick Gerhard Richters nach oben zu seiner deutschen Unterglastrikolore in Schwarz-Rot-Gold; flapsig posiert Sigmar Polke bei seinen zwischen Fiktion und Realität angesiedelten Politmärchenbildern und hat dabei eine Pudelmütze mit hochfliegendem Bommel auf dem Kopf. Auf einer Aufnahme recken sich drei Arbeiter auf ihren Leitern, um die riesigen Tafeln von Markus Lüpertz im Abgeordnetenrestaurant in die Höhe zu hieven; auf einem anderen scheint Gotthard Graubner wie ein Dompteur mit einem Zollstock ein ganzes Team von Mitarbeitern im Protokollsaal auf dem Boden der Tatsachen zu dirigieren. Geradezu schüchtern tritt Emil Schumacher unter seinen informellen Bildern beiseite, und Christian Boltanski steht an seiner aus Keksdosen gestapelten Wand wie vor der Jerusalemer Klagemauer.

Die Debatte um die umstrittene Arbeit Der Bevölkerung von Hans Haacke ruft Aufnahmen wach, die den Künstler umringt von Journalisten und Volksvertretern zeigen. Inzwischen überwuchern wunschgemäß die von Abgeordneten mitgebrachten Setzlinge den streitträchtigen Schriftzug Der Bevölkerung im Lichthof des hohen Hauses.

Jedes Bild von Jens Liebchen hat sich beobachtend und fragend auseinander gesetzt mit den Personen, dem Ort, der Architektur und den möglichen und den prekären Wechselwirkungen von Politik und Kunst. Sein Fotoband wurde den 1201 Vertretern der Bundesversammlung bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten Horst Köhler als Geschenk überreicht; für 68 Euro verkaufen ihn die Galerie Heckenhauer und der Buchhandel.

Das Schöne an den Fotos des zunächst zum Ethnologen ausgebildeten Jens Liebchen ist, dass seine Bilder sich jeglichem repräsentablen Hochglanz verweigern. Wie Reportagefotografien fangen sie die besondere Situation ein, die unterschiedlichen Charaktere der Künstler, ihr Staunen und ihre Zweifel. Die handwerklich fein gestaltete Buchausgabe - duotone-Fotodruck, Fadenheftung, rot auf weiß abgesetzte Texte - dokumentiert eindrucksvoll den Dialog mit der Politik auf der einen Seite und den außergewöhnlichen Ausstellungsräumlichkeiten auf der anderen Seite. Liebchen lässt noch einmal die Augenblicke lebendig werden, in denen die Künstler ihre Arbeiten in die parlamentarischen Bauten entließen. So wurde aus den vielen einzelnen Kunstprojekten des Reichtagsgebäudes eine dokumentierende Reflexion über Kunst am Bau.

Wer diese ungebunden erwerben will, für den gibt es die 37 Buchmotive von Jens Liebchen auch als Originalabzug, in einer Auflage von je zwölf Exemplaren. Sie kosten 900 Euro, die zwei Mappen mit allen Prints sind für 22 000 Euro erhältlich. Die Ausstellung in der Galerie Heckenhauer ist noch bis zum 10. Juli zu sehen. Weitere Informationen sind zu finden unter www.heckenhauer.de und unter www.bundestag.de.

Die Zeit, Nr. 26, Feuilleton, Kunstmarkt, 17. Juni 2004

Mit dem Zollstock dirigiert

Die Bundesbauten im Berliner Regierungsviertel sind in den vergangenen Jahren auch zu Galerien zeitgenössischer Kunst geworden. Reichstag, Kanzleramt, Ministerien und Verwaltungsgebäude wurden mit Werken international renommierter Künstler und junger deutscher Talente ausgestattet.

Da zeigt zum Beispiel Anselm Kiefer in einem der Empfangsräume auf der Plenarsaalebene des Reichstags ein Monumentalgemälde mit dem Ingeborg-Bachmann-Zitat: "nur mit Wind, mit Zeit und mit Klang". Der Maler Gerhard Richter hat in der Westeingangshalle ein Farbkunstwerk von 21 Metern Höhe und drei Metern Breite in den deutschen Farben schwarz-rot-gold gestaltet.

Kunst auf der zweiten Ebene zeigt der Jens Liebchen. Sechs Wochen hat der 34-jährige Berliner Fotograf 30 Künstler aufgenommen, die mit ihren Werken im Reichstag vertreten sind. Jetzt präsentiert er das Ergebnis in einem Buch und zwei Ausstellungen (Galerie J. J. Heckenhauer und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus in Berlin). Da sieht man zum Beispiel die Fotografin Katharina Sieverding und den Maler Georg Baselitz, die unter ihren großen Bildern irgendwie verloren aussehen. Lutz Dammbeck, der seine Herakles-Notizen mit Handschuhen im Fraktionszimmer aufhängt, und der Maler Gotthard Graubner, der seine Helferschar mit einem Zollstock dirigiert, als ob es ein Orchester wäre. Phänomenal auch die Leiterkonstruktion, auf die Markus Lüpertz seine Mitarbeiter zum Aufhängen seiner Arbeit schickt.

Allesamt sind es Künstlerportraits, die einerseits die Individualität der jeweiligen Persönlichkeiten sichtbar machen und zugleich das spannungsgeladene Verhältnis zwischen der politisch-repräsentativen Architektur und dem künstlerischen Werk im politischen Umfeld offenbaren. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sagte über Jens Liebchens Werk, es sei "weit mehr als ein bloße Dokumentation, eher eine psychologische Studie über Politik und Künstlertum und ihre Begegnung in den Räumen der Politik".

Christian Surhbier, Der Tagesspiegel, Nr. 18497, 6. Juni 2004

Der Künstler im politischen Programm

Der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages lud Mitte der 90er-Jahre eine Reihe deutscher und internationaler Künstler ein, sich mit einem "architekturbezogenen Konzept" an der künstlerischen Ausgestaltung des Reichtagsgebäudes und der angrenzenden Parlamentsbauten zu beteiligen. Gerhard Richter wurde ausgewählt, Sigmar Polke, Markus Lüpertz und Bernhard Heisig ebenso, als Vertreter der Alliierten sind etwa Christian Boltanski und Jenny Holzer dabei. Und der Fotograf Jens Liebchen hat dieses Projekt von Anfang an begleitet. Seine Aufnahmen zeigen die Kunstschaffenden im Dialog mit der Politik - vor allem aber sind sie entstanden in jenem "Augenblick der Trennung", da das Kunstwerk am vorgesehenen Platz installiert worden war und von den insgesamt 29 Künstlern in den politischen Raum entlassen werden musste - oftmals in jenem Moment, da sie es erstmals vor Ort sahen.

Berliner Zeitung, Nr. 127, 3. Juni 2004

Malerfürsten im Reichstag

Georg Baselitz steht verloren unter seinem Gemälde, Sir Norman Foster gestikuliert wild im Plenarsaal. Fotografiert wurden sie von Jens Liebchen, der die Künstler und ihre Werke für Reichstag und Parlamentsgebäude festhielt: In zwei Ausstellungen sind zurzeit die Arbeiten des 34-Jährigen zu sehen: Noch bis zum 10.7. in der Galerie J. J. Heckenhauer (Brunnenstraße 153, Di - Fr 14-18 Uhr, Sa 12-16 Uhr) und im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (Schiffbauerdamm 30 / nach Anmeldung, Tel.: 22733888).

BZ, 27. Mai 2004

Blick hinter die Kulissen des Reichstags

Das beliebteste Kunstwerk im Berliner Reichtagsgebäude ist für viele die Glaskuppel des Architekten Norman Foster. Dabei haben den 1999 eröffneten Bundestagsbau 30 Künstler mit meist eigens produzierten Gemälden, Skulpturen und Fotografien ausgestattet. Rund vier Millionen Euro hat sich das die Bundesregierung kosten lassen. Die Produzenten und ihre Werke hat der Fotograf Jens Liebchen vor Ort dokumentiert. Seine Fotos erscheinen jetzt als Buch. Sie sind ab dem 27.5. in der Berliner Galerie J. J. Heckenhauer sowie im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus ausgestellt - Letzteres ist nur mit Voranmeldung zu besichtigen (am 29.5., 5.6., 12.6., Tel.: 030/22733888).

Focus, 24. Mai 2004

Kunst im Kontext der Politik

Es klingt wie ein Experiment: Mitte der neunziger Jahre kaufte der Deutsche Bundestag große Kunst von deutschen wie auch internationalen Künstlern, um sie in seinen Berliner Gebäuden zu installieren. Und immer, wenn einer der Künstler kam, um die Arbeit unter seinen strengen Augen installieren zu lassen, war Jens Liebchen schon da.

Der Berliner Fotograf hielt fest, wie Georg Baselitz, Jenny Holzer, Gerhard Richter oder Christian Boltanski auf die erste Begegnung mit den Bauten reagierten. Seine Kamera war dabei, wenn die Künstler ihre Arbeit zum ersten Mal am jeweils vorgesehenen Ort erlebten.

Aus diesen Ortsterminen ist ein eigenes Projekt entstanden, das die Verschmelzung von Politik und Kunst mit den Mitteln der Fotografie reflektiert. Die dazu gehörenden Bilder - die gerade auch in Buchformat erscheinen - sind ab heute in der Galerie J. J. Heckenhauer zu sehen.

Berliner Morgenpost, BerlinLive, 20. - 26. Mai 2004

Jens Liebchen. Kunst im Bundestag

Der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages lud Mitte der 90er Jahre eine Reihe deutscher und internationaler Künstler ein, sich an einem architekturbezogenen Konzept für die künstlerische Ausgestaltung des Reichtagsgebäudes sowie der angrenzenden Parlamentsbauten zu beteiligen. Der Fotograf Jens Liebchen begleitete diesen Prozess von Anfang an und porträtierte die Künstler vor ihren Arbeiten. Er dokumentierte, wie sich die Künstler dem Dialog mit der Politik einerseits und der Architektur andererseits stellen. Er war vor Ort, als die Künstler ihre Arbeiten in die parlamentarischen Bauten entließen und diese zum ersten Mal an dem jeweils vorgesehenen Ort erlebten. Die Fotografien, die entstanden, sind ein eigenständiges Kunstprojekt - eine mit den Mitteln der Fotografie gestaltete Reflexion über Politik und Kunst.

tip, 20. Mai - 2. Juni 2004

Alle Farben für den Reichstag.

Wie aus dem opulent dekorierten "Leichenwagen erster Klasse" eine Galerie zeitgenössischer Malerei wurde, in der allerdings manches deplaziert wirkt

Kunst im Reichstag - das ist schon fast ein Widerspruch in sich. Seit der Parlamentsbau an der Biegung der Spree "Dem Deutschen Volke" zu Diensten steht, haben die gewählten Vertreter dieses Volkes immer wieder heftig gegen die zeitgenössische Kunst im Reichstag protestiert. Dennoch war das Haus immer mit künstlerischen Erzeugnissen überladen wie die Brust eines Brigadegenerals nach einem heldenhaften Krieg. Als der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann 1922 in die "Reichtagsauschmückungskommission" gewählt wurde, nannte er das Gebäude einen "Leichenwagen erster Klasse", der eigentlich eine "Abschmückungskommission" nötig habe.

Tatsächlich waren die Säle, Flure und Treppenhäuser vollgestellt mit Skulpturen, die Wände bedeckt mit Karyatiden, Kartuschen, Masken und Wappen. Nur Gemälde gab es kaum irgendwo; der Anteil der Malerei beschränkte sich auf ein paar Landschaftsbilder, auf farbige Glasfenster und auf die opulenten Dekorationsmalereien, die dem Speisesaal, den Spitznamen "Wallot-Bräu" einbrachten. Das Reichstagsgebäude wurde damals also noch ganz nach den rationellen Kunst-Hierarchien ausgestattet: Die Baukunst bestimmte den Stil des Hauses, die Bildhauerkunst hatte sich bedingungslos unterzuordnen, die Malerei war allenfalls als Lückenfüller in der dichten Abfolge der Dekorelemente gefragt.

Als der Münchner Maler Franz von Stuck 1899 zwei extrem lange, dekorativ verspielte Gemälde im Foyer des Bundesrats aufhängte, hatten die Vertreter der Reaktion leichtes Spiel. Ein paar kernig-höhnische Sätze in Plenum genügten, um "die Sache in ihrer ganzen widerlichen Häßlichkeit" dem Gelächter preiszugeben. Neun Jahre nach dem Stuck-Skandal war dann der ebenfalls aus München stammende Expressionist Angelo Jank das Opfer der populistischen Hatz-Jahd. Seine drei Darstellungen nationaler Ereignisse auf der Stirnwand des Plenarsaals wurden 1909 nach wenigen Wochen wieder angehängt, weil sie bei den Wortführern im Parlament "keine freudigen Gefühle auslösten.

Man muß diese Skandale kennen, um zu begreifen, wie bewußt sich nicht nur der Architekt Norman Foster, sondern auch der Kunstbeirat des Bundestags von der Geschichte des Hauses abgesetzt hat. Die Entscheidung, fast nur freie Malerei in den Reichstag zu holen, die üblichen Skulpturen Kunst- am -Bau-Applikationen also strikt zu vermeiden, bedeutet tatsächlich einen konsequenten Bruch mit den künstlerischen Traditionen des Wallot-Baus. Die Werteskala des Kunstmarkts ist nun also das Maß der Dinge: Die Vertreter des aktuellen Kunstbetriebs entscheiden, welche Künstler die Bundesrepublik im Parlament künstlerisch, oder doch wenigsten materiell, am besten repräsentieren.

Kritzeleien bei der CDU

Diese Hinwendung zur autonomen Kunst ist grundsätzlich zu loben, doch sie lässt viele der angekauften Arbeiten im funktionalen Zusammenhang des Parlamentsgebäudes recht beliebig, ja deplaziert wirken. Wenn die Parlamentarier das Haus erst einmal richtig in Besitz genommen haben, werden die Urteile über die eingepflanzte Kunst sicher nicht viel schmeichelhafter ausfallen als zu Stucks Zeiten.

So würde es einen nicht wundern, wenn die CDU-Fraktion in ihrer Lobby die zugeteilte hermetische Arbeit bald durch irgendetwas "Verständliches" ersetzen würde. Die konzeptuellen Kritzeleien von Hanne Darboven - eine schier endlose Aufreihung von gerahmten Din-A-1-Blättern - mögen im Rahmen einer Kunstausstellung noch einen ästhetischen Effekt erzielen, doch im "Entspannungsraum" einer Partei werden diese unleserlichen, extrem privatistischen Schreibfigurationen zur harten Prüfung. Daß von ihnen etwas Inspirierendes ausgeht, kann niemand behaupten.

Für viele der ausgewählten Bilder und Graphiken - vor allem für die Arbeiten ehemaliger DDR-Künstler, die erst nach heftigen Protesten eingekauft wurden - wird es im Reichstag nie einen angemessenen Platz geben, denn massive Wände sind in der transparenten Architektur Fosters die große Ausnahme. So hat die Kommission etwa die feinen graphischen Bildschichtungen von Carlfriedrich Claus plump vergrößern, auf transparente Acrylglasplatten drucken und in einem Flur aufhängen lassen, sie schweben jetzt also körperlos im Raum; ihre sozialistisch-utopische Botschaft kann die Parlamentarier nicht mehr behelligen.

Richtig zufrieden können eigentlich nur die paar Künstler sein, die sich schon während der Bauzeit einen Platz im Gebäude aussuchen durften. Sie hatten Zeit, sich mit ihren Räumen und mit der teilweise heftigen Farbigkeit der Wandverschalungen auseinanderzusetzen und entsprechende Gegenmittel zu entwickeln. Was dabei rauskam, ist teilweise sehr überzeugend. So haben etwa die beiden Senioren Rupprecht Geiger und Emil Schumacher recht temperamentvoll, aber durchaus gegensätzlich auf die extremen farbigen Herausforderungen reagiert. Auch Anselm Kiefer, Bernhard Heisig und Gotthard Graubner brauchten ihre künstlerischen Prinzipien nicht zu verraten; mit ihren präzise auf die Architektur abgestimmten großen Malereien prägen sie souverän den Charakter der ihnen zugeteilten Räume.

Den ergiebigsten Auftrag hat sich Günther Uecker gesichert; er durfte im interkonfessionellen Andachtsraum die Architektur selber gestalten. Nun hat er dort also eine Wand so vor die Fenster gestellt, dass das Tageslicht weitgehend ausgeblendet ist. In dem expressiven Halbdunkel sehen seine Nagelbilder aus wie afrikanische Fetische, die nach frischem Hühnerblut verlangen. Ein bisschen Voodoo im Reichstag - ob das den öden parlamentarischen Alltag ein wenig auflockern wird? [...]

Gottfried Knapp, Süddeutsche Zeitung, Nr. 109, 14. Mai 1999

Die Ausstellung "ORIGINAL BOOKS" in der Presse:

http://www.nysun.com/arts/out-of-the-books-onto-the-walls-at-cohen-amador/84296/

The New Yorker, August 2008

"ORIGINAL BOOKS"

The booming market for photography books has prompted several shows of late, and this one focusses on five titles by artists who deserve to be better known. All published since 1990 and primarily black-and-white, the books put a smart conceptual twist on traditional photography. Jens Liebchen's images of Tirana, Albania, would appear to describe a war-torn city, but the conflict has long since abated. Keizo Kitajima's project "A.D. 1991" took him to a number of European cities, where he photographed the citizens and their environment; only his street portraits are here, and they're strong enough to recall both Walker Evans and Michael Schmidt.

heckenhauer-galerie