Wiebke LoeperPresse

An die Schwestern des Carl Möglin, Wismar 2005

Born in East Berlin in 1972, Wiebke Loeper, like many other contemporary German artists, spent her young and most influential years encapsulated in the regime of the former German Democratic Republic (East Germany). The oddity of life behind the Iron Curtain incongruously misplaced smack in the midst of Western society does not easily go unnoticed nor can it be simply disregarded. The inadequacies of this air bubble in Western Europe was doubly intensified by the collapse of the GDR, particularly in a social and cultural content. The fall of the Berlin Wall in 1989 pre-empted a strange and troublesome period for East German artists who were considered to be, in the period of and immediately after the Berlin Wall, artistic cavemen, particularly by the West German public. The general opinion was that their seclusion behind the Iron Curtain prevented them from growing along with the West and their lack of exposure to outside influences had pushed their art back to its basest level. Though this bias is not entirely present today, many separatist ideals still exist in Germany. The self-righteousness of the federal state still cannot come to terms with the GDR as being part of its own history. This idea alone allots a sort of exoticism to artists who refer to their experiences in the GDR, even in their own country.

Wiebke Loeper's artwork prominently focuses on her own childhood and family history. She uses this subject matter as a parallel to represent the memories and hardships of the former GDR and frequently explores its lingering residual influence on Germany today. In this exhibition, her newest work "An die Schwestern des Carl Möglin, Wismar 2005" (To the sisters of Carl Möglin, Wismar 2005) features images of decrepit buildings in the town of Wismar. Wiebke often photographs decaying and abandoned building in the East parts of Berlin and Germany, particularly those which have some specific connection to herself or to her family. Wismar is the town in East Germany where Wiebke's parents where born. Much of her family still lives in this town located by the Baltic Sea, with a history dating back to the middle ages. But, as with many other communities in East Germany, it has experienced a severe drop in population since its departure from socialism. Wiebke attempts to make personal description of the town Wismar, perhaps to record its existence before it fades into obscurity. Its history is what the title of this work refers to directly. Carl Möglin founded the museum of town history in Wismar and his sisters immigrated to Australia but kept in touch with their former home by sending exotic items to the town their entire lives. In this work, Wiebke asks the question: What would I tell the sisters about their hometown today?

This work is part of the Bundeskulturstiftung project Shrinking Cities.

Clare Stacey Shabsis, Eyemazing 2006

Leipzig Lens 2005

Die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) hat sich innerhalb der letzten 10 Jahre zu einer bedeutenden Institution für zeitgenössische Fotografie entwickelt. Auch vor dem Fall der Mauer haben Namen wie Arno Fischer zum exzellenten Ruf der HGB als Fotografie-Schule beigetragen. Heute unterrichten dort bekannte Fotografen wie Tina Bara, Joachim Brohm, Astrid Klein, Timm Rautert und Helfried Strauß.

Die Leipzig Lens 2005 konzentriert sich auf ein paar Streitpunkte der gegenwärtigen Debatte in der Fotografie. Ostdeutsche Stadtlandschaften, besonders die schnell wachsende Infrastruktur, Stadtplanung und Stadtarchitektur, sind zentrale Themen der Arbeit von Wiebke Loeper, Rebecca Wilson oder Stefanie Kiwitt. Die Fotografien von Ulrich Gebert, Sven Johne und Steffen Junghans betonen den beobachtenden und stabilisierenden Aspekt der Fotografie einer immer schneller werdenden visuellen Kultur gegenüber.

Die Ausstellung (Oktober - Dezember 2005, London - Glasgow) wurde kuratiert von Susanne Altmann, Kunsthistorikerin aus Dresden, und ist Teil des Projekts D Saxony UK 2005.

"Kultur erleben", Goethe-Institut London, Oktober 2005

Moll 31

Der Anlass für dieses Buch ist selten genug. Moll(straße) 31 war die Adresse eines 17geschossigen Wohnhochauses. 1971/72 gleich hinterm Berliner Alexanderplatz als Stahlbetonskelett montiert, wurden dessen oberste Etagen zum Experimentierfeld der totalen Moderne bestimmt: Bewegliche Wände aus speziell konstruierten Möbelsystemen sollten "Variables Wohnen" ermöglichen. Freiwillige durften die Lebensweise der Zukunft testen, einige der das Experiment planenden Architekten gehörten dazu. Als Tochter eines dieser Enthusiasten wurde Wiebke Loeper in der obersten Etage geboren und lebte dort, bis das Haus 1989 wegen statischer Probleme komplett geräumt werden musste. Der Abriss erfolgtre erst 13 Jahre später, auf der freigeräumten Immobilie sind bis heute mehrere Investoren gescheitert. Die Architektentochter wurde Fotografin, und mit dem Auszug aus dem Haus der Kindheit kamen die üblichen Fragen nach dem Woher und nach dem Was bleibt. Materielle Zeugnisse aus dem Hochhausleben waren nicht mehr greifbar. Keine altmodische Truhe, kein verschnörkelter Sekretär, kein Ohrensessel - nichts, was man den Nachkommen vererbt. Das Inventar der Sputnik-Generation war systemisch, montierbar und vielseitig dienstbar, dabei unprätentiös bis zur Unsichtbarkeit. An jedem Ort ein neuer Anfang. Nichts für die biografische Vergewisserung. Als Ersatz griff die Tochter nach den Fotos des Vaters und begann, die Orte des darin festgehaltenen Familienlebens in dem so lange auf seinen Abriss wartenden Haus ausschnittgetreu nachzufotografieren. Die Konfrontation von einst und jetzt, der ständige Wechsel zwischen privatem Glück und wüster Verlorenheit ergibt eine harte Kost. Er kulminiert in einem Bildpaar, das erst aus großer Nähe das schaumselige Kindergesicht über dem Badewannenrand zeigt und danach in gleicher Einstellung die kahle Wannenrückwand, von der jemand minutiös sämtliche blauen Kacheln abgeschlagen hat. Das ist weder Bericht noch Kommentar, das ist ein sinnlicher Schlag und tut einfach weh.

Die Fotografin hat einmal geschrieben, dass ihre Suche nach den Relikten der Kindheit natürlich viel mit biografischer Neugier (auch Trauerarbeit) zu tun hat. Doch fast noch bedrängender empfinde sie, dass aus der Lebenswelt ihrer Eltern, die im Ideal der Moderne so offensichtlich und rückhaltlos aufgegangen waren, so gar keine "Dinge" übrig geblieben sind. Dieses Hadern mit den abgerissenen Fäden der eigenen Lebensgeschichte gibt dem Buch seine enorme Spannung, lässt in jede kahle Ecke der Wohnruine wie in einen Abgrund starren. Aus überraschender Perspektive wird hier auf das notorische Defizit der Moderne - auf die allseits beklagte Sprachlosigkeit ihrer Gegenstände - verwiesen und zugleich der Gegenbeweis angetreten: Natürlich lassen sich auch an die Dingwelt der Moderne Erinnerungen jeder Art knüpfen, natürlich verwandeln sich auch Moderne-Strukturen mit der Zeit in Gefäße für Geschichte. Die ist dann vielleicht individueller, oft auch nur privater Natur. Die Verluste schmerzen deshalb nicht weniger.

Wolfgang Kil, Bauwelt, 38/2005

"1995 begann ich im Haus meiner Kindheit - einer Ruine - zu fotografieren. In der Auseinandersetzung mit dem Verschwinden, dem Tod und moralischen Verschleiß von Dingen, begann ich mit alten Bildern zu arbeiten. Aus der Gegenüberstellung von alten und neuen Bildern entstand das Buch "Moll 31".

Die Buchform schafft mir die in diesem Fall unablässige Intimität und feste Abfolge - ich kann den Betrachter führen."

Wiebke Loeper

Die Berliner Fotografin Wiebke Loeper stellte die Bilder aus ihrer Kindheit in der Ostberliner Mollstraße 31 nach. Herausgekommen ist ein trauriges Familienalbum.

Die Fotoserie "Moll 31" von Wiebke Loeper, 29, entstand schon vor einigen Jahren. Damals stellte sie die 25 Jahre alten Bilder ihres Vaters Herwig nach und dokumentierte so Leben und Untergang der DDR. Jetzt sind die Bilder plötzlich wieder hoch-aktuell: Das Haus mit der Adresse in Friedrichshain wird abgerissen, ein Prestigeobjekt der DDR-Architektur verschwindet. Übrig bleiben nur die Fotos von Vater und Tochter.

Süddeutsches Magazin, 15. März 2002

I Love Gold and Silver so

The borderline of photography between life and death is thematic to my work which structures itself around biographical relationships.

I ask people and objects about their origins in order to find a frame of reference for the present and the future. Fields of memory have arisen since 1994 that thematise the personal in relation to social and cultural developments.

In MOLL 31, an original book with C-Prints, which is about my family home, I presented old family slides opposite my own, new, slides that I had re-photographed in the same position, in the same place 20 years later. The house in which I had grown up - and that was due to be demolished - did not appear as a romantic ruin. It was an about to be knocked down.

For "I Love Gold and Silver So" I photographed the writings of my grandmother, Annelise Loeper, that she wrote, scribbled, and drew over from 1991-1994, Postcards, letters, handkerchiefs, notes etc.

I combine mementoes of different times. I continually plumb actual space (apartment, house, city, country etc.) for potential biographical references. My photographs taken during this process are indicators that can form a metaphysical space in the head of the observer through which he can wander.

The acts of collecting and preserving, fixing by means of photography, is what drives me to continue.

Wiebke Loeper, empathie, The Villa Contemporary Art Centre, Tel Aviv, 2001

Mitte, Berlin 2003/2004

Die Themen der in Ostberlin geborenen Fotografin Wiebke Loeper (*1972) kreisen stets um autobiographische Fragen. Fotografie war für sie bisher vor allem das Medium, sich der eigenen Familiengeschichte und damit der eigenen Identität nicht nur zu vergewissern, sondern sich ihrer gewissermaßen auch zu bemächtigen. So manches Bild wurde dabei ein Beweis für Vergangenheit und gelebtes Leben. Aus der bewussten Wahrnehmung ihres sich seit Jahren im Umbruch befindlichen Zuhauses "Berlin-Mitte" entstand nun eine neuere Serie, die den Blick über die Gegenwart suchend in die Zukunft richtet. Auch hier befragt die Fotografin mit der Kamera die Welt nach ihren Gesetzmäßigkeiten und hofft, durch die fotografischen Dokumente die Zeit deuten zu können. Auch Berlin sucht nach seiner Identität. Möglichkeiten und Potentiale stehen Unsicherheiten und Hoffnungen gegenüber. Diese Dynamik gilt gleichermaßen für das Individuum wie für die Stadt.

Claudia Stein, Photography Now, 3/2004

Lad

Prinzip Privatheit

Spuren im Supermarkt: Deutsch-Deutscher Alltag in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst

Ausstellung vom 7. September bis zum 9. November 2003

Was ist schon bemerkenswert am dreckigen Fußboden einer Kaufhalle, die bald abgerissen wird? Für die 31-jährige Fotografin Wiebke Loeper, die im Berliner Osten aufgewachsen ist, war er eine Aufnahme wert. Sie zeigt die graugrünen Steinplatten, auf denen sich die Spuren eines rechteckigen Gegenstands abzeichnen, der hier einmal gestanden haben muss. In der leer geräumten Halle stehend, die ihr aus ihrer Kindheit so vertraut erschien, hatte Wiebke Loeper nach einem Punkt gesucht, an dem sich die Erinnerung festhalten konnte. Auf dem Fußboden, an dieser verranzten Schmutzkante, hatte sie ihn gefunden: Hier standen früher die Kassen, hier arbeiteten die Frauen, mit denen sie als Kind so oft geplaudert hatte.

Solche Fotos, hinter denen sich Geschichten verbergen, hat Wiebke Loeper für ihr Projekt "Lad" versammelt: Aufnahmen von Häuserfassaden, einem Schrank in einem Klinikum oder von der bereits verstorbenen Mutter. "Lad" ist plattdeutsch und bezeichnet jenen Wagen, in dem Flüchtende ihr wichtigstes Hab und Gut mit sich nehmen. Bei Wiebke Loeper sind das unscheinbare Fotos, die aber wertvolle Erinnerungen aufbewahren, indem sie die Orte der Vergangenheit in ihrem heutigen, vermeintlich bedeutungslosen Zustand zeigen. Zugleich werfen die Fotos die Frage auf, was mit den Erinnerungen geschieht, wenn sich die Bilder langsam über sie legen. Überdecken die Fotos irgendwann die Erinnerung, lassen sie verschwinden? Eine zentrale Frage für die Mediengesellschaft, die fast wie in einer Wut ständig Bilder produziert.

Wiebke Loepers Erinnerungsfotos stehen am Ende der Ausstellung "Öffentlich Privat" in der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig, die sich mit der Rolle des Privaten in der deutschen Nachkriegsfotografie befasst. In höchst interessanten Konfrontationen bietet sie einen Schnelldurchgang durch fünfzig Jahre deutsch-deutsche Alltagsgeschichte. Unkonventionell und aufschlussreich werden Arbeiten aus der DDR und der Bundesrepublik einander gegenüber gestellt. So bilden ost-deutsche Fotografen wie Arno Fischer und Evelyn Richter bereits in den fünfziger und sechziger Jahren einen DDR-Alltag ab, der in der Malerei zur gleichen Zeit nirgends auftaucht: müde, abgearbeitete Menschen in einer oftmals trostlosen Umgebung, aber auch das kleine Glück im Park oder unter Freunden.

Als Beispiel für den westdeutschen Blick in die Privatsphäre präsentiert die Ausstellung die Wohnzimmer-Porträts von Herlinde Koelbl, in denen die Wertvorstellungen und das Selbstbewusstsein der Wirtschaftswunder-Wessis mitunter reichlich protzig zum Ausdruck kommen, in denen aber auch die Rebellion und die Suche nach neuen Werten in der jüngeren Generation sichtbar wird.

Auch in der journalistischen Fotografie sucht die Ausstellung nach Vergleichbarkeiten zwischen ost- und westdeutschen Positionen. Breiten Raum nehmen etwa die Sozialreportagen von Erika Sulzer-Kleinemeier ein, die unter anderem Gastarbeiterfamilien im Frankfurter Westend fotografiert hat. Ihr stehen Bildreportagen aus der DDR-Illustrierten Sibylle gegenüber, die das Familienleben oder den Arbeitsalltag wiedergegeben haben und damit von der zumeist aufs Kollektiv und auf den Optimismus zielenden Berichterstattung abwichen.

In den achtziger Jahren wird die Abbildbarkeit des Privaten immer fragwürdiger - in Ost und West allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Während das westdeutsche bürgerliche Wohnzimmer mit seinen Glasvasen und seiner Ledercouch in einer berühmten Bilderserie von Anna und Bernhard Blume buchstäblich ins Wanken gerät, ist es im Osten die Stasi, die das Prinzip Privatheit durch Bespitzelung aushöhlt. Die Künstlerin Cornelia Schleime, die jahrelang bespitzelt wurde, hat ihre Stasiakten mit Fotos illustriert und konterkariert. Dadurch versucht sie, im Nachhinein die geraubte Privatheit wiederzugewinnen. Wenn ein IM berichtet, dass "die Ermittelte" kein Kraftfahrzeug besitzt, dann zeigt sie sich eben in selbstbewusster Pose vor einem dicken fetten Amischlitten.

Im Zeitalter der Mediengesellschaft ist das Thema Privatheit aber nicht verschwunden, wie die Ausstellung nicht nur mit den Arbeiten von Wiebke Loeper zeigt. Die stilbildenden Alltagsshots von Wolfgang Tillmanns sind geradezu Propagandabilder für einen Lebensstil, der auf Rückzug und Privatheit abzielt - vielleicht auch Antizipationen eines Cocoonings, das Trendforscher verstärkt nach dem Terroranschlag vom 11. September beobachten.

Parallel zu dieser Fotoschau zeigt die Galerie für Zeitgenössische Kunst eine weitere Ausstellung, die eine Innenschau in deutsche Alltagsbefindlichkeiten gewährt. "Trautes Heim" zeigt künstlerische Recherchen zum Thema Wohnen, die überwiegend in Leipzig und der Umgebung entstanden sind. Die teilnehmenden Künstlerinnen sind ihre Themen mit journalistischen Mitteln angegangen, ihre Präsentationsformen sind aber allemal künstlerisch. So hat Pia Lanzinger Telearbeiterinnen interviewt, die von zu Hause aus ihr Geld verdienen, als Arbeitsvermittlerin oder Luftfahrtpsychologin. In ihren Installationen zeigt sie, wie sich die Sphären von Wohnen und Arbeiten vermischen. Vor einer häuslichen Tapete steht ein Schreibtisch, auf dem in einem Fernsehgerät - dem inzwischen klassischen Symbol häuslicher Gemütlichkeit - das jeweilige Interview zu sehen ist. Auf dem Tisch liegen Arbeitswerkzeuge wie Terminkalender, Telefonbuch oder Fachzeitschriften neben Stofftieren oder Familienfotos.

Wie sich der Traum vom Wohnen im Grünen am Stadtrand schnell in einen ästhetischen Alptraum verwandeln kann, demonstrieren die Zeichnungen und Fotos von Sofia Thorsen. Und wer die ästhetischen Standards überhaupt erst setzt, nach denen inzwischen fast weltweit gewohnt wird, das zeigen die Hochglanzfotos von IKEA-Schauräumen aus 50 Jahren, die Miriam Bäckström gemacht hat. Die Ausstellung wird durch eine "Sitzecke" ergänzt, die Literatur aus Ost und West zum Thema Wohnen ebenso bietet wie Videokopien von Filmen zum Thema Wohnen, etwa Jacques Tatis Mon Oncle oder Woody Allens Interiors. Die Stühle in der Sitzecke sind gemütlich und laden zum Verweilen ein - das Museum als verlängertes Wohnzimmer.

Johannes Wendland, Camera Austria International, 83/2003

Hello from Bloomer

Bloomer versus Wismar: Das Heimatmuseum der Fotokünstlerin Wiebke Loeper

In seiner Geschichte Amerika gibt es nicht erzählt Peter Bichsel davon, wie man Reisewillige irgendwo versteckt hält und ihnen eintrichtert, was sie den glücklich-Daheimgebliebenen von der Neuen Welt später erzählen sollen. Wie sich ja auch schon Kolumbus seinerzeit lieber im Wald versteckt habe als sich auf den mühseligen Seeweg nach Indien zu begeben.

Betrachten wir Wiebke Loepers zwiefaches Familienalbum Hello from Bloomer, Viel Grüße aus Wismar, müssen wir an der Phantasie des Kolumbus zweifeln. Die Amateurfotos ihres Großvaters Willy, der in den frühen Dreißigern in die USA auswanderte und dessen Vetter und bestem Freund Willi, der auf dem Gebiet der späteren DDR lebte, gleichen sich verblüffend. Warum von Amerika träumen, wenn es in einem dortigen Wohnzimmer auch nicht anders aussieht als bei uns? Aber Willi und Willy, die sich offenbar nie wieder gesehen haben, verbindet mehr als ein Vorname. Sie haben gemeinsam den gleichen Beruf erlernt, das Metzgerhandwerk, das in Mecklenburg nicht viel anders ausgeübt wird als in Wisconsin. Wie viel die Männer aber tatsächlich teilten, ohne es zu wissen, das enthüllen die gefundenen Aufnahmen auf ebenso stille wie anrührende Weise: Eine bescheidene Gemütlichkeit, die creature comforts wie man wohl "drüben" zu sagen pflegt, wissen beide zu schätzen, und sogar ihre Ehefrauen gleichen sich verblüffend. Sollten die Träume vom Glück, soweit sie sich im Bereich des Möglichen bewegten, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs so ähnlich angelegt gewesen sein? Wiebke Loeper ist selbst mit der Kamera der Sache noch einmal nachgegangen, und sogar jenseits der Patina der Foto-Vergangenheit bleibt ihre Beobachtung bestehen. Die 1972 in Berlin geborene Künstlerin hat sich in ihrem Werk schon einmal mit den sichtbaren und den erinnerten Zeugnissen von Biographie befasst, ihrer eigenen: Da hatte sie die abbruchreife Stätte ihrer Kindheit in der ehemaligen DDR mit alten Fotos und ihrem Gedächtnis verglichen. Wie sehr auch die Erinnerungen von anderen die eigene Entwicklung prägen, das demonstriert ihr Bändchen von der Anmutung eines Kinderbuchs auch auf der Textebene, wenn Loeper dokumentiert, was sie von den Kindheitserinnerungen behalten hat, die ihr eigener Großvater erzählte. Eine letzte Ebene beschreitet eine eingelegte CD-Rom, die, wenn sie sich denn abspielen ließe, dem schwindenden Metzgerhandwerk ein Videodenkmal setzt.

Tradition ist ein Wort, das wir nicht allzu oft verwenden, seltener wohl noch als das andere, dieser Worte: Heimat. John Ford und Edgar Reitz waren ihre Propheten, und jetzt eben auch Wiebke Loeper. Was steckt nicht alles an ererbten Geschichten in uns, und je älter wir werden, desto mehr wird uns bewusst, wie gut wir doch manchmal zugehört haben müssen, wenn Opa etwas erzählt hat. So ist das eben mit Familien.

Aber dann ist da noch die andere, wehmütige Seite dieses Buches, die uns fragt: Was wäre, wenn wir an einer Stelle unseres Lebens eine bestimmte Trennung nicht vollzogen hätten? Was wird aus Seelenverwandten, wenn sie sich nicht mehr sehen? Die Antwort dies liebevollen Bändchens, das so streng und konzeptuell anmutet, ist so tröstlich wie man es von einem echten Heimatstück erwartet: Sie bleiben Verwandte. Auch wenn sie davon nichts wissen mögen.

Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau, Nr. 114, 18. Mai 2002

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